Ich habe in letzter Zeit verschiedentlich gelesen, dass die Adobe-Aktie gerade zu einem Ramsch-Preis zu bekommen sei. Sprich: Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) um die 15 bei einem Gewinnwachstum um die 20 Prozent. Gemessen am Gewinn ist die Aktie tatsächlich gerade so günstig wie seit bald 15 Jahren nicht mehr. Also …
… schauen wir uns erst mal an, was es mit diesem Gewinn auf sich hat.
Bereinigt um die Kosten
Wirft man einen Blick auf die langfristige Gewinnentwicklung, fällt zunächst auf, dass der bereinigte Gewinn dauerhaft über dem bilanzierten Gewinn liegt:

Screenshot: Aktienfinder (siehe Tools)
Der Verdacht liegt also nahe, dass der Wert der Aktie mit der falschen Kennzahl gemessen wird. Was wird hier bereinigt? Der mit Abstand größte Posten ist die aktienbasierte Vergütung: Im letzten Quartal wies Adobe einen Gewinn pro Aktie von 4,45 Dollar aus. Um auf den bereinigten Gewinn zu kommen, muss man 1,20 Dollar an Aktien-Vergütungen (oder zu deutsch: Personalkosten) addieren und dann noch ein paar Cent abziehen, hauptsächlich wegen steuerlichen Anpassungen.
Um es möglichst plakativ zu sagen: Mehr als jeder fünfte Euro vom Gewinn sind „bereinigte“ Kosten. Dass diese wiederkehrend (und auch kontinuierlich steigend) sind, zeigen die Zahlen aus den Vorjahren und -quartalen.
Schauen wir uns also lieber den bilanzierten Gewinn an. Der soll laut den Zielen von Adobe 2026 bei um die 18 Dollar je Aktie liegen. Bei den jüngsten Kursen ergibt sich daraus perspektivisch ein KGV von knapp unter 20. Das erscheint noch immer sehr günstig, ist aber kein Ramsch-Niveau. Noch nicht. Sollte das Wachstum anhalten und/oder der Kurs weiter nachgeben, kann sich das natürlich schnell ändern. Apropos wachsen …
Weiter wachsend
Bei einem Kursverlust von einem Drittel auf Jahressicht (und beinahe einer Halbierung auf Sicht von zwei Jahren), möchte man es kaum glauben. Aber das Unternehmen ist gerade äußerst erfolgreich. Der bilanzierte Gewinn ist 2024 um rund fünf Prozent gewachsen, trotz hoher Übernahmekosten. 2025 ging es dann (ohne Übernahmekosten) um 35 Prozent nach oben.
Auch über längere Zeiträume hinweg, zum Beispiel seit 2019 oder seit 2011, liegt das Wachstum des bilanzierten Gewinns bei über 20 Prozent pro Jahr. Für 2026 rechnet man vorsichtig mit etwa acht Prozent.
Ich sehe hier gerade kein Anzeichen von Schwäche, zumal ja auch gilt: Je niedriger der Kurs, desto stärker dürften sich die Aktienrückkäufe auswirken. Schon im abgelaufenen Geschäftsjahr konnte man rund 31 Millionen Aktien zurückkaufen – rund sieben Prozent des gesamten Unternehmens. Falls der Kurs nicht bald anspringt, könnten es im neuen Jahr nochmal erheblich mehr werden. Selbst wenn Adobe organisch gar nicht mehr wachsen sollte, scheint hier also noch eine gute Rendite möglich. Was ist jetzt also das Problem?
Disruptierte Aussichten
Soweit ich es einigermaßen einschätzen kann, konzentriert sich die ganze Debatte darauf, dass Adobe als KI-Opfer gesehen wird. Auch der Chatbot kann ja jetzt Bilder machen. Und Layouts. Und überhaupt. Wer braucht denn die maßlos überteuerte Software dann noch? Ich weiß ehrlich gesagt nicht recht, was ich davon halten soll. Und ich habe auch keine Lust, hier Pro- und Contra-Argumente abzuwägen. Dafür fehlt mir letztlich auch die Expertise.
Für wahrscheinlich halte ich, dass die Wahrheit je nach Anwendung unterschiedlich aussehen wird. Mancher wird durch ChatGPT und Co. vielleicht wirklich auf Adobe verzichten können (Danke an ChatGPT an der Stelle für das Titelbild!). Andernorts wird man vielleicht nicht direkt an der Software, wohl aber an den Anwendern sparen – wenn KI nämlich zu einer Steigerung der Produktivität von Adobe-Nutzern beiträgt. Womöglich wird Adobe sogar ein paar neue Kunden gewinnen, weil die Software dank KI einfacher zugänglich wird. Mit großer Sicherheit wird Adobe auch neue Konkurrenz bekommen. Dass man diese nicht einfach konsequent aufkaufen kann, zeigte zuletzt die gescheiterte Figma-Übernahme.
Kurz: Alle Prognosen für Adobe sind mit einem erhöhten Maß an Unsicherheit behaftet. Also noch unsicherer als heute ohnehin alles ist. Der Markt tut gut daran, solche Risiken einzupreisen. Wagnisse sollten immer günstig sein. Andernfalls ließen sich am Aktienmarkt auch nicht die besten Renditen erzielen.
Ergebnis
Allerdings neigt der Markt ständig zur Übertreibung. Gegenwärtig bilden Aktien wie die von Adobe die Kehrseite von all dem Optimismus, der in den Kursen von Nvidia und zuletzt auch Alphabet eingepreist ist. Dabei zeigte sich zuletzt gerade an der Alphabet-Aktie, wie schnell das Pendel von der einen in die andere Richtung ausschlagen kann.
Wie die Zukunft wirklich aussehen wird, lässt sich allenfalls an den Trends der Kennzahlen erahnen. Und die können in drei Monaten schon wieder ganz anders aussehen. Das heißt: Man muss hier besonders aufpassen, das Wetter nicht mit dem Klima zu verwechseln. Ein gutes Quartal macht keine langfristige Rendite, ein schlechtes verdirbt sie nicht. Für den Moment aber würde ich sagen, dass bei Adobe die Chancen eher überwiegen.
Diversifizierung jedenfalls heißt für mich gerade: Ein ausgewogenes Portfolio sollte sowohl (angebliche) KI-Gewinner als auch KI-Verlierer enthalten.

