Mit der Alphabet-Aktie holt man sich das ganze (das muss jetzt natürlich kommen) Alphabet der Digitalisierung ins Depot. A wie autonomes Fahren. B wie Betriebssystem. C wie Cloud. Besonders gefällt mir der Buchstabe K, der sowohl für künstliche Intelligenz als auch für Kartendienste stehen könnte. Wirtschaftlich bedeutsam ist aber vor allem W – für Werbung. Hier und eigentlich auch nur hier werden die Gewinne erzielt. Da die Werbebudgets eng mit der Konjunktur (besonders auch: mit den Konjunktur-Erwartungen) verknüpft sind, kauft man die Aktie am besten antizyklisch, wenn es mit der Wirtschaft gerade bergab geht. Zumindest habe ich mit meinem ersten Kauf zu Beginn der Corona-Krise gute Erfahrungen gemacht.
Gerade eben erscheint die Aktie mal wieder außerordentlich günstig, weshalb ich über einen Nachkauf nachdenke. Ein paar Gedanken zur Bewertung sowie ausgewählten Chancen und Risiken:
Was mir an Alphabet gefällt
Der Preis
Damit es besonders dramatisch wirkt, gliedere ich diesen Gedanken in drei Akte:
1. Alphabet wirkt auf den ersten Blick sehr günstig.
Im Schnitt der letzten 10 Jahre ist Alphabet sowohl beim Gewinn als auch beim Cashflow um über 20 % p. a. gewachsen. Zuletzt hat sich das Wachstum stark beschleunigt, für die nächsten Jahre deutet sich nach den gängigen Schätzungen eine Verlangsamung an.
Was mir sofort ins Auge sticht: Kurs-Gewinn- und Kurs-Cashflow-Verhältnis liegen bei unter 20, teilweise sogar deutlich, je nachdem, welche Zahlen und Zeiträume man genau betrachtet. Die Wachstumszahlen scheinen also höher zu sein als die entsprechenden Multiples. So etwas sieht man sich schon selten genug. Dabei wirkt das Unternehmen gemessen an diesen Kennzahlen sogar noch teurer, als es eigentlich ist. Denn …
2. Cloud und Other Bets lassen die Alphabet-Aktie teurer erscheinen.
Alphabet hat nämlich eine ganze Reihe unprofitabler Bereiche, vor allem die Cloud und die zahlreichen „Other Bets“ fahren teils hohe Verluste ein. 2021 verlor die Cloud über drei, die Other Bets verloren gemeinsam über fünf Mrd. Dollar.
Wenn man also annimmt, dass die bereits erwähnten Multiples einen fairen (und nicht etwa günstigen) Kaufpreis für die übrigen (rentablen) Unternehmensteile darstellen, dann wäre der Kaufpreis für Cloud und Other Bets aktuell negativ. Und zwar negativ in einer relevanten Größenordnung. Vergangenes Jahr haben diese beiden Bereiche den Gewinn von Alphabet um rund 15 Prozent nach unten gedrückt.
3. Cloud und Other Bets könnten einen beträchtlichen Teil vom Marktwert des gesamten Konzerns ausmachen.
Noch drastischer wird es, wenn man für diese Unternehmensteile einen positiven Marktwert ansetzt. Ich möchte an dieser Stelle lediglich darauf verweisen, dass alleine der Wert von Waymo (der Other Bet für das autonome Fahren) noch vor den Corona-Verwerfungen von Morgan Stanley (konkret: Brian Nowak) auf einen dreistelligen Milliarden-Betrag geschätzt wurde.
Was mir nicht gefällt
Man kann für den scheinbar günstigen Kurs der Aktie sicher tausende Gründe finden, zum Beispiel von A wie Anleihen (die jetzt mehr Zinsen abwerfen und alle Akien damit unattraktiver werden lassen) bis Z wie Zerschlagung (die Alphabet wohl eines Tages droht).
Im möchte hier erstmal bei der Werbung bleiben. Anders als andere große Tech-Unternehmen ist Alphabet – zumindest bei den Gewinnen – praktisch überhaupt nicht diversifiziert. Ob die Werbung nun über die Suchmaschine oder über Youtube läuft, es bleibt Online-Werbung.
Gerade hier könnten die Firmenbudgets in den kommenden Jahren stark zurücklaufen. Wie stark, kann niemand sagen, zumal die gesamtwirtschaftliche Entwicklung gerade kaum abzuschätzen ist. Sie ist vielleicht so unsicher wie noch nie zu meiner Lebzeit. Ganz generell denke ich ja, dass bei Konjunkturprognosen vor allem eine Sache wirklich interessant ist: die Richtung, in die sie korrigiert werden.
Entsprechend wenig halte ich von den Wachstumszahlen für die kommenden Jahre. Entsprechend bedrohlich wirkt mir, dass diese Zahlen gerade quasi im Monats-Rhythmus sinken. Irgendwann werden sie wieder nach oben drehen. Bis dahin können sie aber tief ins Minus rutschen. Wenn das Geld bei den Unternehmen knapp wird, dürften viele bei der Werbung zuerst den Rotstift ansetzen.
Immerhin ist Alphabet trotz aller Abhängigkeit von der Konjunktur erstaunlich krisenfest. Zumindest in den letzten 20 Jahren gab es keinen einzigen Umsatzrückgang. In keiner einzigen der im Geschäftsbericht ausgewiesenen Regionen.
Allerdings kann das Wachstum in den kommenden Jahren auch ohne Rezession unter Druck geraten. Neben den möglicherweise sinkenden Werbeausgaben der Unternehmen gibt es nämlich auch noch ein Problem beim Zielpublikum.
Dieses scheint nach den Lockdowns ein großes Bedürfnis nach physischen Erlebnissen entwickelt zu haben und dürfte etwas weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringen wollen. Wenn die Leute weniger Zeit im Internet verbringen, könnte man ihnen in der kürzeren Zeit natürlich mehr Werbung anzeigen. Allerdings dürfte auch dieser Wachstumspfad zunehmend verbaut sein:
Sowohl Google als auch Youtube sind längst voll mit Werbung. Noch mehr davon halte zumindest ich als Nutzer für kaum noch erträglich. Das würde nicht mein Interesse nach einem der beworbenen Produkte erhöhen, sondern allenfalls nach einer Alternative zu Google und (ganz besonders) Youtube. Womit wir bereits beim nächsten Problem wären …
Die neue Konkurrenz
Es gibt so Momente, in denen ich merke, dass ich den Bezug zu jungen Leuten verliere, vor allem wenn es um Social Media geht. Ehrlich gesagt halte ich Tiktok noch immer für eine Art schlechten Scherz. Die Kurzvideos erschienen mir völlig überdreht und völlig sinnlos zugleich. Selbst seriöse Kanäle produzieren hier bestenfalls kurzweiligen Blödsinn, schlimmstenfalls machen sie sich lächerlich. Das ist zumindest mein Eindruck. Womöglich geht es mehr Leuten ähnlich wie mir: Es ist schwer, sich auf derartige Neuerungen einzulassen, aber eben auch unumgänglich.
Wirtschaftlich gesehen ist Tiktok der heiße Scheiß, gegen den Youtube wie eine geduckte Tageszeitung wirken kann. Nur ein paar Zahlen: Laut datareportal.com gab es zuletzt eine Milliarde monatlich aktiver Nutzer (die chinesische Variante hat zusätzlich 600 Millionen). In Deutschland nutzen die Altersgruppen zwischen 16 und 29 Jahren bereits mehrheitlich Tiktok (Befragung von Toluna Germany; Dezember 2021 und Januar 2022). Die Altersgruppe bis 39 steht offenbar kurz davor.
Natürlich nutzen die meisten Leute auch noch Youtube. Für Youtube bedeutet die Aufmerksamkeit auf Tiktok aber einen gigantischen Verlust an potenzieller Werbezeit. Das Monopol auf nutzergeneriete Videos ist dahin.
Für Google sieht die Sache ähnlich aus. Wer eine allgemeine Frage hat, fragt vielleicht noch Google, wer aber etwas Besonderes wissen will, fragt eine (andere) App.
Die „Appisierung“ des Internets scheint mir ein stabiler, mittelfristiger Trend zu sein. Zur Illustration: Ich hatte vor ein paar Jahren zwei Mobilitäts-Apps auf dem Handy: eine um zu wissen, wo ich bin (Google Maps) und eine für den Busfahrplan. Mittlerweile habe ich eine App für Bahnfahrten, eine für den ÖPNV, eine für E-Scooter, eine für Leihräder, eine für Mietwagen, eine für Hotelbuchungen, eine für private Unterkünfte und … noch ein paar mehr. Überall stelle ich Suchanfragen.
In vielen Fällen wird auch Werbung ausgespielt oder könnte es künftig tun. Prominentestes Beispiel für eine Plattform mit Suchfunktion, die zunehmend Werbeerlöse generiert: Amazon. Verliert Google den Erstkontakt mit dem Internet, verliert es auch die Werbegelder.
Was mir an Alphabet dann doch wieder gefällt
Wachstumschancen in allen Bereichen
Allerdings kann auch Google in das Geschäft all der konkurrierenden Plattformen vordringen. Dabei muss es nicht nur seinen Werbemarkt verteidigen, es kann sich auch ganz neue Geschäftsfelder erschließen. Man denke hier etwa an Google Shopping, die Möglichkeit über Google Flüge zu buchen oder die Kooperation zwischen Youtube und Shopify. Letztere soll es Kunden ermöglichen, in den Videos beworbene Produkte direkt auf Youtube zu bestellen.
Aber zunächst zurück zu den vielen, neuen Mobilitäts-Apps auf meinem Handy. Die Stärke dieser Apps und der dahinter liegenden Geschäftsmodelle besteht darin, dass sie Dienste zugänglich machen, die es zuvor gar nicht oder zumindest nicht in dieser Form gab. Zum Beispiel Freefloating für alle möglichen Mietfahrzeuge oder auch Fahrdienste wie Uber.
Die Schwäche dieser Dienste ist der sehr spezifische Anwendungsfall, auf den sie zugeschnitten sind. Viele meiner Apps funktionieren schon nicht mehr, sobald ich die Landesgrenze überschreite. Außerdem haben sie zueinander kaum Bezug. Uber wird mir zum Beispiel kaum verraten, ob schon in fünf Minuten ein Bus geht, mit dem ich schneller ans Ziel komme. Dafür bräuchte ich die App des ÖPNV. Die verrät mir aber nicht, dass um die Ecke noch ein E-Bike steht, mit dem ich vielleicht sogar noch schneller wäre. Die App des E-Bike-Verleihs wiederum verrät mir nicht, wie ich fahren müsste.
Es ist also kaum möglich, über die zahlreichen, fragmentierten Dienste ein plausibles Bild der tatsächlichen Möglichkeiten zu bekommen. (Ganz zu schweigen von zig zu pflegenden Accounts mit sensiblen Daten, Passwörtern und nötigen Voreinstellungen. Wer alle Dienste nutzen möchte, hat einiges an Arbeit vor sich. Wer sie nicht nutzt, verpasst aber auch einiges.)
Eine App, die dies leisten könnte, hätte allerdings einen immensen Vorteil. Sie könnte mir zum Beispiel anhand bestimmter Vorgaben hinsichtlich Preis, Geschwindigkeit oder Reisekomfort direkt die für mich persönlich infrage kommenden Strecken und Verkehrsmittel anbieten und vermitteln. Damit würde sie im Idealfall alle anderen Apps überflüssig machen.
Bei den meisten Anbietern spricht leider schon das Geschäftsmodell dagegen, so etwas überhaupt zu versuchen. Die örtlichen Verkehrsbetriebe haben wenig Interesse am Verkehrsnetz der Nachbarstadt, Sixt will nicht die Autos von Europcar vermieten, Uber nicht an die Fahrer von Lyft vermitteln. Streicht man diese Dienste alle von der Liste, bleibt im wesentlichen eine App übrig, die das Zeug dazu hätte: Google Maps.
Google Maps verfügt nicht nur über extrem detaillierte Karten und umfassendste Nutzerdaten. Es kann potenziell auch noch alle erdenklichen Verkehrsmittel buchbar machen und bei Bedarf die idealen Routen berechnen. Dabei hilft mir Maps nicht nur, ans Ziel zu gelangen. Es hilft mir bereits, das Ziel zu bestimmen – egal ob ich mich für lokale Sehenswürdigkeiten interessiere, für eine Kneipe, in der es gerade etwas ruhiger zugeht, oder einen Laden, der meinen PC repariert.
Vom Besonderen zum Allgemeinen: Die große Stärke der Google-Dienste liegt im Kontext. Davon kann der Alphabet-Konzern mehr liefern als wahrscheinlich jedes andere Unternehmen. Alphabet hat auch längst bewiesen, dass es diesen Kontext in praktischen Nutzen für den User verwandeln kann. Darum ist es aus unser aller Leben auch kaum mehr wegzudenken. Mit Blick in die Zukunft sehe ich zahllose Möglichkeiten, genau hier weiter zu machen und dabei noch mehr Werbeerlöse und weitere Geschäftsmodelle zu erschließen.
Ergebnis
Alphabet sitzt wie die Spinne im (Inter-) Netz. Es führt schier kein Weg an diesem Unternehmen vorbei. Womöglich wankt die digitale Welt in ihrer Entwicklung hin und her zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung. Alphabet aber konnte seine zentrale Rolle bis heute verteidigen. Für mich deutet nichts darauf hin, dass es sie wieder verlieren könnte. Welches Unternehmen könnte als Basis-Investment in die Digitalisierung besser geeignet sein?
Ich werde den aktuellen und wahrscheinlich auch künftige Rücksetzer für Nachkäufe nutzen. Alphabet erscheint mir unterbewertet.


Vielen Dank für Deinen Kommentar!
Ja, ich halte Maps tatsächlich für eines der am meisten unterschätzten Assets des Konzerns. Auch wenn die Buchungs-Funktion noch auf sich warten lässt, wird doch ständig an neuen Features gearbeitet. Erst kürzlich kam mal wieder ein ganz interessantes dazu. Man soll jetzt auch die umweltfreundlichste Route wählen können, siehe: https://www.googlewatchblog.de/2022/08/benzin-google-maps-so/
LG
Toller Post mit einigen sehr interessanten und gleichzeitig ausgewogenen Perspektiven! Vor allem der Punkt mit Google Maps wird wirklich noch einmal richtig spannend, schätze ich. Durch eine kluge Verzahnung von Information und Buchungssystem könnte Maps ein echter Allrounder werden, was neuen Wert für den Nutzer schafft und damit neue Erträge für Alphabet. Ich bin gespannt.