Angesichts der chaotischen Weltlage und der vielen Zweifel und Ängste, die viele Menschen gerade plagen, habe ich mich zu einem weiteren, ganz allgemeinen Blogpost hinreißen lassen. Der Titel ist bewusst vieldeutig gemeint. Er mag an den Taoismus erinnern, bei dem es darum geht (falls ich es je richtig verstanden habe), den Antrieb des eigenen Handels zu erkennen und sich davon zu lösen. Der Titel mag und soll natürlich auch an zahllose bekannte Börsenweisheiten erinnern.
In meiner kurzen Vorrecherche bin ich auch auf ein (wohl recht erfolgreiches) Buch mit genau diesem Untertitel gestoßen: In „die Stein-Strategie“ skizziert Holm Friebe das Nicht-Handeln als Macht-Strategie von bekannten Persönlichkeiten wie Angela Merkel oder (natürlich) Warren Buffet.
Mein Denkanstoß für diesen Post kommt aber aus einer ganz anderen Richtung. Als Hobby-Gärtner habe ich zuletzt das ein und andere Buch über Permakultur gelesen. Bei Permakultur geht es – kurz gesagt – darum, nicht gegen, sondern mit den Wechselwirkungen von Ökosystemen zu arbeiten, um landwirtschaftliche Erträge zu steigern und gleichzeitig Wartungsaufwand und Ressourcen zu sparen. Das erreicht man zum Beispiel dadurch, dass man Pflanzen nahe beieinander setzt, die von der Gegenwart der jeweils anderen profitieren.
Mein entscheidender Aufhänger aus „Permakultur praktisch“ von Graham Bell ist eine Passage in der es um Maßnahmen gegen Schädlinge geht. Es ist ein nach Priorität geordneter Maßnahmenkatalog. Heißt: Erst wenn man mit der ersten Maßnahme nicht mehr weiterkommt, ist die darauffolgende anzuwenden. Das ganze in verkürzter Form:
- Mache nichts.
- Steigere den Ertrag.
- Greife biologisch ein.
- Greife mechanisch ein.
- Greife chemisch ein.
Was daran so faszinierend ist
Es ist ein Katalog, der systematisch darauf setzt, den Drang zur schnellen (und potenziell fatalen) Lösung zu unterdrücken. Er macht das, indem er nicht nur eine, sondern gleich eine ganze Reihe an Barrieren einführt. Im Idealfall sollte es zur fünften, der vermeintlich schnellsten, einfachsten und vielleicht naheliegendsten Maßnahme gar nicht kommen. Und das ist wichtig. Hierzu meine persönliche Garten-Erfahrung:
Es erscheint mir intuitiv richtig, Schnecken aus dem Garten zu werfen (wenn nicht gar Schlimmeres mit ihnen anzustellen), wenn sie sich über sehnsüchtig erwartete Erdbeeren hermachen. Ich stelle mir in dem Moment nicht die Frage, ob ich das Beet falsch angelegt habe. Es tröstet mich nicht, dass die Schnecke natürliche Feinde hat. Dass ich das Problem durch mein kurzsichtiges Handeln womöglich noch verschlimmere, will ich erst recht nicht wissen.
Dabei gilt in vielen Lebenslagen: Es ist besser, auf einen Reiz nicht zu reagieren, als falsch zu reagieren. Ich habe mir lange eingebildet, dass es mir bei Aktien leichter fällt, keinen überstürzten Unsinn zu machen als bei den Tieren im Garten. Schließlich habe ich bereits ein paar Verhaltensregeln für mich festgelegt. Und spontan entscheide ich an der Börse sowieso nichts. Aber einen Maßnahmenkatalog wie in dem Buch habe ich noch nicht.
In der Praxis sieht es vielleicht so aus: Bevor ich eine Aktie kaufe, erstelle ich mir gedanklich einen Investment Case, prüfe, wie gut die Aktie in mein Depot passt und kaufe idealerweise zu einem geeigneten Zeitpunkt. Ein paar Jahre später wachsen in mir die Zweifel. Manchmal kann ich mich zusammenreißen und „mache nichts“. Manchmal schaffe ich es nicht und verkaufe nach einiger Zeit die gesamte Position. Dabei wäre das nach den Permakultur-Regeln eigentlich schon Maßnahme fünf, der chemische Eingriff, der nie passieren sollte.
Noch ein paar Jahre später ärgere ich mich, weil der Investment Case doch noch aufzugehen scheint.
Das Problem
Es ist unglaublich verlockend, sich einzureden, dass eine Idee funktioniert oder nicht funktioniert. Es ist auch unglaublich leicht, in neuen Quartalszahlen oder irgendwelchem CEO-Gequatsche die Bestätigung dessen zu sehen, was man ohnehin schon immer gemeint hat. Von den ganzen möglichen Schein-Begründungen („brauche das Geld für ein anderes Investment“, „wollte generell mal aufräumen“) will ich hier gar nicht anfangen. Schwer ist es jedenfalls, Kurs zu halten während die Welt sich immer schneller verändert und immer chaotischer zu werden scheint. Während die tägliche Informationsflut jeden klaren Gedanken unentwegt infrage stellt.
Dabei gehören Zweifel zum Investieren wie die Schnecke zum Garten. Das Investieren ist ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten und der Garten ein Ökosystem vieler Lebewesen. Das Geld verdient man nicht durch Handeln, sondern beim Warten. Erdbeeren reifen nicht, weil man die Schnecken vergiftet, sondern weil man am richtigen Ort gepflanzt hat.
Was noch nicht gesagt wurde
Und genau das ist der Punkt. Die Planung am Anfang. Nach meinem Verständnis hängt der Börsenerfolg auf kurze und mittlere Sicht vor allem davon ab, wann man eine Aktie handelt. Auf lange Sicht ist es vor allem wichtig, welche Aktie man behält. Auch bei der Permakultur geht es fast vollständig um die Planung am Anfang. Ein schönes Zitat hierzu:
„In einem durchschnittlichen System werden etwa 20 % der Arbeit für Kreativität aufgewendet und 80 % dafür, die Dinge am Laufen zu halten. Ein gut durchdachtes System zeichnet sich durch ein umgekehrtes Verhältnis aus: Für die Erhaltung des Systems wird 20 % der verfügbaren Arbeit benötigt, so dass 80 % für neue kreative Lösungen frei werden.“
Beim Lesen kam ich kaum umhin, an Erfahrungen aus der Berufswelt zu denken: Zeit, die man sich bei der Planung spart, kann hintenraus zu einer entsetzlichen Mehrbelastung führen. Dann fehlen schlichtweg die Zeit und die Nerven, um überhaupt noch Probleme angehen zu können. Bei guter Planung könnte man dagegen immer weiter vorankommen. Die gewonnene kreative Freiheit lässt sich auch als Rendite betrachten, die sich reinvestieren lässt. Daher könnten zwischen den Ergebnissen guter und schlechter Planung Welten liegen.
Genauso ist es beim Investieren: Auf Jahrzehnte betrachtet ist bereits der Unterschied zwischen sechs und acht Prozent Rendite gigantisch.
Die Lösung
Womöglich lässt sich von der Gartenarbeit vieles übers Investieren lernen. Und umgekehrt. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie mein persönlicher Maßnahmenkatalog fürs Handeln mit Aktien aussehen wird. Ich habe aber immerhin schon ein paar Ideen. Zum Beispiel könnte eine Voraussetzung für den Verkauf einer Aktie sein, dass ich sowohl deutliche Zweifel am Investment Case habe als auch einen guten Zeitpunkt sehe, um beim Verkauf noch ein gutes Geschäft zu machen. Oder allgemeiner: Ich handle erst, wenn ich sowohl einen Grund als auch einen Anlass habe.
Eine zweite Maßnahme, die ich teilweise bereits umsetze: Ich handle keine kompletten Positionen, sondern mache vor allem Nachkäufe und Teilverkäufe. Noch bevor ich überhaupt etwas verkaufe, sollte es aber schon reichen, einfach eine Zeit lang nicht nachzukaufen. Allein dadurch sollte die Gewichtung der Aktie am Depot fallen. Schließlich kaufe ich ja bei anderen Positionen weiter zu. Bevor es dazu wiederum kommt, gilt natürlich als erste Maßnahme : „Mache nichts“. Auf meine Geldanlage übersetzt, hieße das aber: „Ändere nichts“.
Tatsächlich geht es ja nicht darum, nichts zu tun. Es geht darum, Kurs zu halten, Impulse zu kontrollieren und konsequent zu handeln. Wo wir wieder beim Taoismus wären (wie ich ihn hier verstehen will): Handeln, aber aus einem tieferen Grund.

