Als Fußballfan habe ich mich erstmals alt gefühlt, als alle Spieler plötzlich jünger waren als ich. Claudio Pizarro vielleicht mal ausgenommen. Als Investor fühle ich mich gerade ähnlich, wenn Unternehmen jünger sind als ich. Zuletzt ging es mir so, als ich mich mal wieder mit der Steico-Aktie beschäftigt habe. Immerhin handelt es sich weder um eine nerdige IT-Bude noch um einen hippen Hersteller von veganem Krimskrams. Es ist ein Baustoffhersteller.
Aber selbst das Bauen kann ja mittlerweile hip sein, zumindest wenn es um Holz geht. Holz ist ja die neue Allzweckwaffe. Gegen Plastikmüll, Klimawandel und besonders gegen jede Form schlechten Geschmacks. Von der Zahnbürste bis zum Fahrrad gibt es längst alles aus Holz.
Holz hat natürlich wirklich viele gute Seiten, gerade als Baustoff. Ich denke zwar, dass die begrenzte Verfügbarkeit noch nicht allen bewusst ist. Damit wird es aber nur umso wichtiger, Holz vor allem für möglichst hochwertige Zwecke in langlebigen Produkten einzusetzen. Und die wahrscheinlich langlebigsten Güter sind Immobilien.
Von den vielen guten Gründen für den Holzbau möchte ich hier gar nicht erst anfangen. Ich halte es aber für schlüssig, dass hierzulande immer mehr Gebäude aus und mit Holz gebaut und gedämmt werden. Bei Steico geht es vor allem um Letzteres.
Da ich dem Unternehmen recht zugetan bin, fange ich mal mit den schlechten Nachrichten an.
Was mir an Steico nicht gefällt
1. Die Immobilienblase platzt
… vielleicht nicht. Aber ein spürbarer Rückgang der Nachfrage ist abzusehen. Durch die Kombination aus steigenden Zinsen, hoher Inflation und teilweise (immer noch) mangelndem Material macht Bauen gerade wenig Freude. Die Lage dürfte sich auf alle Unternehmen der Branche auswirken.
Bau- und Immobilienunternehmen stehen im Zentrum eines wirtschaftlichen Abschwungs, der sich aus den steigenden Zinsen ableitet. Das lässt sich auch gut an den Aktienkursen erkennen, bei Steico wie bei Vonovia oder Hypoport. In diesem Sektor erwarte ich mit die meisten Insolvenzen in den kommenden Jahren.
Besonders problematisch ist, dass wir noch nicht absehen können, wie schlimm es am Ende tatsächlich wird. Natürlich sind derartige Krisen immer auch Chancen – für die Unternehmen, die am Ende übrig bleiben und Marktanteile gewinnen. Der Bedarf an zusätzlichen Gebäuden und an Energieeinsparung steht ja außer Frage.
Zunächst aber steht ein großes Fragezeichen hinter allen Gewinnprognosen und damit den Aktienkursen.
2. Unübersichtlicher Markt
Holzfaserdämmstoffe mögen eine interessante Alternative zu konventionellen Produkten sein. Generell aber sind Bio-Dämmstoffe insgesamt noch eine Nische, die sich Holzfaser-Dämmungen (wie die von Steico) auch noch mit Alternativen, beispielsweise aus Zellulose, teilen. Wie sich die Marktanteile künftig entwickeln, kann ich als Laie kaum einschätzen.
Was mir an Steico gefällt
1. Wachstumsgeschichte
An der Kapitalflussrechnung von Steico fällt auf, dass praktisch der gesamte operative Cashflow wieder investiert wird. Immer größere Beträge sind zuletzt in den Ausbau der Kapazität geflossen. Bestehende Fabriken werden ausgebaut und gleichzeitig neue aufgebaut. Zum Teil ist das Wachstum auch kreditfinanziert.
Die hohe Investitionsquote zahlt sich (bisher) aus. So ist die Umsatzentwicklung beeindruckend: Seit (mindestens) 2004 konnte Steico den Umsatz jedes Jahr steigern – selbst 2008/2009. Dabei sollte der Bau-Sektor eigentlich zyklisch sein. Aus rund 65 Millionen Umsatz (2004) wurden letztes Jahr 388 Millionen. Bisher ist noch nicht einmal eine Verlangsamung zu erkennen. Für dieses Jahr soll das Wachstum (weiterhin) über 20 Prozent betragen. Zum Habjahr lag es bei 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Was mir besonders gut gefällt: Hierzu trägt vor allem das Wachstum im Ausland und bei den kleineren Produkt-Segmenten bei. Steico stellt sich also zunehmend breiter auf.
Im Halbjahresbericht ist ein Segment sogar erstmalig aufgetaucht. In der „Elementefertigung“ stellt Steico mit einem „hohen Automatisierungsgrad“ komplette Dach- und Wandteile aus eigenen Vorprodukten her.
Man expandiert also in die Tiefe und steigt dabei in einen weiteren Wachstumsmarkt ein, den ich sehr spannend finde: das modulare Bauen. Gleichzeitig wächst man in die Breite, indem man die Produktion ausweitet und besonders im europäischen Ausland die Umsätze erhöht.
2. Kurzfristige Chancen
Die kurzfristigen Risiken dürften wegen der schwachen Entwicklung auf dem Immobilienmarkt erheblich sein. Allerdings sollten diese zunehmend im Aktienkurs enthalten sein. In den letzten Monaten hat sich der Wert des Unternehmens weit mehr als halbiert.
Außerdem stehen den Risiken auch Chancen gegenüber, die diese zumindest teilweise ausgleichen könnten. Der Halbjahresbericht hebt besonders staatliche Subventionen hervor, die in Deutschland Energiespar-Maßnahmen und dem Holzbau im Allgemeinen zu Gute kommen sollten.
Da auch die Energiepreise noch länger hoch bleiben dürften, kann sich die Gebäudedämmung heute mehr denn je bezahlt machen. Ich bin außerdem vorsichtig optimistisch, dass sich der Trend zu (meiner Einschätzung nach) etwas teureren, aber auch etwas nachhaltigeren Natur-Dämmstoffen fortsetzt. Generell sollen Premium-Produkte in Abschwung-Phasen ja im Vorteil sein.
Ergebnis
Ich kann mir gut vorstellen, dass im kommenden Jahr besonders die Neubautätigkeit in allen wichtigen Märkten massiv einbricht. Das kann zu Nachholeffekten in späteren Jahren führen. Der Bedarf an Immobilien wird ja nicht in ähnlicher Weise einbrechen. Sie sind nur erstmal weniger erschwinglich.
Bis es soweit kommt, müssen aber die Preise sinken. Die Bauwirtschaft hat sich seit der letzten Immobilienkrise an eine kontinuierlich steigende Nachfrage und steigende Preise gewöhnt. Im konkreten Fall der Dämmstoff-Hersteller bauen Steico und seine Konkurrenten (hierzu finden sich in den Geschäftsberichten ebenfalls Infos) immer noch ihre Kapazität aus.
Bei einer schwächelnden Nachfrage kann das schnell auf die Preise drücken und auch zu Insolvenzen führen. Es gibt aktuell also sowohl Chancen als auch Risiken für Steico. Der gesunkene Aktienkurs spricht mir dabei für ein verbessertes Chance-Risiko-Verhältnis.
Steico steht schon seit einigen Jahren auf meiner Watchlist und wirkt zum ersten Mal seit Langem auch preislich wieder attraktiv. Bevor ich die erste Order aufgebe, möchte ich aber noch ein oder zwei Geschäftsberichte abwarten.
Die letzten Geschäftsberichte strotzen noch vor Optimismus. Gleichzeitig ist im Aktienkurs schon eine kleine bis mittlere Krise eingepreist. Womöglich fokussiert der Markt hier zu einseitig die Risiken. Womöglich ist aber auch das Management mit seiner Wachstumsstrategie zu optimistisch – was teuer werden kann. Die nächsten Zahlen werden spannend.

