Starbucks

Irgendwo hatte ich neulich einen Spruch gehört, der meine Gefühle hinsichtlich der nächsten Trump-Präsidentschaft gut zusammenfasst: Es sei, als würde man auf der Straße stehen und wissen, dass man von einem Truck überrollt wird, der aber noch 80 Kilometer entfernt ist.

Ich war durchaus vom Wahlergebnis – vor allem in seiner Deutlichkeit – überrascht und habe die ersten Tage „auf der Straße“ auch damit verbracht, mein Depot auf mögliche neue Risiken abzuklopfen. Eigentlich liegt es mir fern, Anlageentscheidungen vom (kurzfristigen und letztlich eh unberechenbaren) politischen Tagesgeschäft abhängig zu machen. Ich halte aber vor allem die positive Reaktion der Börse auf das Wahlergebnis für kurzsichtig. Der Trumpismus dagegen erscheint mir wie ein längerfristiger Trend, der auch meine ganz allgemeinen Zukunftserwartungen beeinflusst.

Ich bin daher mal der Reihe nach die Unternehmen in meinem Depot durchgegangen. Dabei hat sich meine Aufmerksamkeit recht schnell auf eines von ihnen konzentriert: Starbucks. Hierzu folgende Überlegungen:

Der US-Arbeitsmarkt

Die Arbeitslosigkeit in den USA liegt derzeit bei wenig mehr als vier Prozent. Das ist historisch gesehen sehr niedrig und gilt als nahe an der „Vollbeschäftigung“. Jetzt will die künftige Regierung zusätzliche Arbeitsplätze ins Land holen und gleichzeitig einen großen Teil der arbeitenden Bevölkerung deportieren. Natürlich soll auch die Grenze noch dichtgemacht werden. Ich möchte die Sache hier bewusst nicht moralisch betrachten. Sie ist aber rein wirtschaftlich gesehen absurd.

Starbucks hat in den USA rund 17.000 Filialen, deren Mitarbeiter (gemeinsam mit denen außerhalb der Filialen) über 70 Prozent aller Umsätze erwirtschaften. Wie viele von ihnen des Landes verwiesen werden sollen oder können, ist mir unbekannt. Aber es dürfte schon problematisch genug für US-Unternehmen sein, wenn die USA zahlreiche Arbeitskräfte verlieren.

Das gilt natürlich nicht für jedes Unternehmen gleichermaßen. Es gibt Unternehmen, die wenig personalintensiv sind (wie Microsoft), die ohnehin immer genügend Mitarbeiter finden (Microsoft), die prinzipiell auch im Ausland produzieren könnten (Microsoft) oder die ohnehin absurd hohe Gehälter zahlen (Microsoft). Starbucks fällt meiner Einschätzung nach aber in keine dieser Kategorien.

Natürlich hat Starbucks gewisse Möglichkeiten, auf einen knapper werdenen Arbeitsmarkt zu reagieren. Man kann zum Beispiel überall Selbstbedienungsterminals aufstellen. Man sollte so etwas aber auch nicht zu weit treiben, will man noch als Café und nicht als Kaffeeautomat wahrgenommen werden.

Die US-Inflation

Inflation kann aus mehreren Richtungen kommen. Werden etwa Arbeitskräfte knapp, steigen üblicherweise erst die Löhne und dann die Preise (die angenehmere Variante). Es kann aber auch sein, dass zuerst Waren und Güter teurer werden und die Löhne dann erst nachziehen (die unangenehmere Variante). Auch dafür hat die künftige US-Regierung einen Plan, nämlich flächendeckende Import-Zölle. Ein großer Teil der in den USA verbrauchten und verarbeiteten Dinge kommt aus dem Ausland. Letztes Jahr importierten die USA Waren im Wert von 3,4 Billion Dollar. Zum Vergleich: Der Wert aller in den USA produzierten Güter und Dienstleistungen (BIP) lag bei 27,4 Billionen. Die Importe entsprechen also mehr als einem Zehntel der gesamten Wirtschaftsleistung und sie könnten für Verbraucher wie Unternehmen bald erheblich teurer werden.

(Da fällt mir ein: Kaffee wächst auch kaum in den USA, vor allem wenn man Puerto Rico nicht dazu zählt. Ich bitte den Seitenhieb zu entschuldigen. Eigentlich führt mich der Gedanke an importierte Waren in ein anderes Land, aber dazu später mehr.)

Auch der Staat selbst kann zu einer steigenden Inflation beitragen, in dem er beispielsweise die Ausgaben erhöht oder die Steuern senkt und damit mehr Geld in die Wirtschaft pumpt. Hierbei tut sich die US-Regierung besonders dann leicht, wenn sie über eine Mehrheit in beiden Kammern verfügt.

Grundsätzlich sollte die Notenbank hohe Inflationsraten einfangen können, indem sie ihre Zinsen erhöht. Aber das kann in eine Rezession führen. Außerdem muss die Notenbank dafür eigenständig handeln können. Das wiederum ist dem Trump-Lager aber offenbar unrecht.

Was passieren kann, wenn eine Regierung Druck auf die Notenbank ausübt, die Inflation nicht zu bekämpfen, kann man in der Türkei sehen. Selbst dort musste die Notenbank aber mittlerweile reagieren. Jetzt liegt der Leitzins bei 50 Prozent. So weit dürfte es in den USA kaum kommen. Aber wer weiß das schon.

Greift die Notenbank wiederum durch, könnte es für die Verbraucher unangenehm werden. Zinserhöhungen treffen nämlich die gesamte Wirtschaft, während von den versprochenen Steuersenkungen vor allem die Unternehmen, nicht die Verbraucher entlastet werden dürften. An dieser Stelle ein beliebter Spartipp: Der tägliche Kaffee auf dem Weg ins Büro. Muss doch nicht sein.

China

Jetzt noch ins Ausland: Das Verhältnis der USA zu China ist und bleibt schwierig. Einerseits sind beide Länder voneinander abhängig. China lebt ganz wesentlich davon, Waren in die USA zu verkaufen. Die USA profitieren vom (noch) günstigen Import der Waren. China ist außerdem der wichtigste Auslandsmarkt für Starbucks. Rund 8.000 Filialen stehen dort – fast halb so viele wie in den USA. Der Umsatzanteil ist natürlich nicht gar so bedeutend. Allerdings kommt auch ein großer Teil des Wachstums aus China – oder sollte von dort kommen.

Alles, was den Welthandel bedroht, bedroht ganz besonders den Wohlstand von Menschen in China. Einige davon könnten sich überlegen, nicht mehr zu Starbucks zu gehen, wenn erstens das Geld knapper wird, zweitens es gute und günstigere heimische Alternativen gibt, drittens die USA als Feind in einem Handelskrieg wahrgenommen werden (und hoffentlich nur das).

Die Erwartungen

Starbucks ist ein Unternehmen, bei dem es nicht mehr so gut läuft wie früher mal. Es befindet sich deswegen in einer gewissen Umbruchphase. Der Aktienkurs hat das in letzter Zeit auch abgebildet. Er ist in diesem guten Börsenjahr von über 90 auf unter 80 Dollar gefallen. Seitdem aber bekannt ist, dass Brian Niccol von Chipotle Mexican Grill das Unternehmen führen wird, sieht die Sache anders aus. Jetzt kostet die Starbucks-Aktie etwa 100 Dollar. Dabei arbeitet der Mann erst seit September im Unternehmen. Mir scheint hier viel Hoffnung eingepreist.

Disclaimer

Es ist unklar, welche konkreten Maßnahmen die nächste US-Regierung überhaupt umsetzen kann und wird. Erst recht sind die ökonomischen Auswirkungen unsicher. Selbst wenn beispielsweise die Inflation noch einmal ansteigen sollte, müssen Konsumenten darauf nicht zwingend mit Kaufzurückhaltung reagieren. Es könnte auch das Gegenteil der Fall sein. Überhaupt sind makroökonomische Prognosen meist allenfalls als Denkanstoß zu gebrauchen. Mich haben sie angestoßen, über die mittelfristigen Risiken der Starbucks-Aktie nachzudenken.

Ergebnis

Seit sich das Wahlergebnis abgezeichnet hat, lebe ich ein Stück weit in einer anderen Welt. Und in dieser fühle ich mich ohne die Starbucks-Aktie wohler. Verkäufe bei anderen Unternehmen (wie Microsoft) drängen sich mir aber nicht auf. Ohnehin gab es dieses Jahr schon verhältnismäßig viele Verkäufe in meinem Depot (mehr dazu zum Jahreswechsel).

Beim Verkauf habe ich einen kleinen Gewinn realisiert und das freiwerdende Geld größtenteils schon reinvestiert. Ich habe meine Positionen bei ASML und Iberdrola aufgestockt, zwei Unternehmen, die vom jüngsten Kursfeuerwerk nicht profitiert haben.

Hinweis: Dieser Beitrag kann Spuren von Ironie oder Sarkasmus enthalten. Er ist kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Alle Zahlen sind womöglich frei erfunden. Es ist wichtig, sich eine eigene Meinung zu bilden, selbst zu recherchieren, eigene Fehler zu machen und daraus zu lernen. Auch ist es wichtig, an der Weltlage nicht zu verzweifeln. Der Beitrag wurde bezahlt von meinem Werbepartner Microsoft. (Kleiner Scherz)

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