Zur Zeit könnte ich eigentlich immer abwechselnd über (vermeintlich überbewertete) KI-Gewinner und (entsprechend unterbewertete) KI-Verlierer schreiben. Es scheint ja immer weniger Aktien zu geben, die nicht in dieses Schema passen. 2G Energy aber scheint mir keins von beidem zu sein. Den Anlagenbauer aus Heek hatte ich zuletzt in meinem Jahresausblick als eines der aussichtsreichen Investments für dieses Jahr präsentiert. Und tatsächlich hat die Aktie seither etwa 80 Prozent zugelegt. Was 2G von der zuletzt ähnlich gut gelaufenen Hochtief-Aktie unterscheidet: 2G Energy wirkt mir nicht zu teuer. Aber der Reihe nach …
Allgemein verzichte ich darauf, Unternehmen vorzustellen, über die ich hier schreibe. Das haben meist schon viele vor mir getan und es ist eine Aufgabe, die ich auch einer KI gut zutrauen würde. Man braucht eigentlich keinen Blog dafür. Da aber noch immer kaum jemand 2G Energy kennen dürfte, mache ich diesmal eine Ausnahme – aber auf meine Weise:
Was 2G Energy macht und warum das interessant ist
2G baut Motoren, verpackt sie in Containern, die man dann als modulare Kraftwerke (Blockheizkraftwerke genannt) zur Strom- und Wärmeversorgung nutzt – zum Beispiel, indem man sie stapelt, aneinanderreiht – oder, besonders kreativ – die Stapel aneinanderreiht. Die Motoren laufen in der Regel mit Gas, wobei die Wahl des Gases beim Anwender liegt. So ergeben sich typische Anwendungen im Biogas- oder bei Klärgasbereich. Auch Erdgas und Wasserstoff sind möglich. Entsprechend fächert sich die Kundschaft über zahlreiche Branchen und Anwendungen hinweg auf: Kommunale Versorger, Wohnungswirtschaft, Krankenhäuser, Landwirte, Bergbauunternehmen, Gewächshäuser … Rechenzentren.
Dort liegt laut CEO Pablo Hofelich die „kurzfristig größte Marktchance“ (Geschäftsbericht 2025). Schließlich geht es hier um Größenordnungen, die weit über das übliche Niveau des Unternehmens hinausgehen. Und die entsprechenden Knappheiten bei der Versorgung versprechen praktisch sichere Umsätze bei zugleich hohen Margen für alle, die einfach nur liefern können.
Ich habe 2G schon seit etlichen Jahren auf dem Schirm, mich aber lange ferngehalten. Schließlich erscheint mir das langfristige Potenzial von Gasturbinen eher begrenzt. Charmant, muss ich aber mittlerweile sagen, finde ich die immense Flexibilität, die sich wahrscheinlich hauptsächlich aus der prosaischen „Lego-Bauweise“ ergibt: Serienfertigung für jeden Bedarf und jede Größenordnung.
Vielversprechend auf längere Sicht erscheint mir außerdem das neue Segment der Großwärmepumpen. Der letzte Geschäftsbericht nennt hier für 2025 einen Auftragseingang von 12 Millionen Euro, der 2027 bereits bei 40 Millionen liegen soll. Das wäre immerhin ein Zehntel des 2025er Umsatzes. Und 2G Energy zeigt, wie kreativ man auch mit diesem Thema umgehen kann: Man packt den Motor (das Blockheizkraftwerk) einfach zur Wärmepumpe mit in den Container. Das Ergebnis, der „Green Cube“, kann dann bei hohen Strompreisen Strom und Wärme liefern. Bei niedrigen Strompreisen wandelt die Wärmepumpe (überflüssigen) Strom in Wärme um. Heraus kommt also immer Wärme und dazu ein hervorragendes Kostenprofil im Betrieb. Wenn man dabei noch auf Erdgas verzichtet, dürfte auch die Klimabilanz ziemlich egal sein.
Halten wir hier kurz fest: Das Segment ist für 2G noch unbedeutend, wächst aber rasant und könnte langfristig entscheidend werden. Das ist wichtig, weil ich in dieser ferneren Zukunft die größten Probleme sehe. Kurz- bis mittelfristig bin ich dagegen sehr optimistisch.
So zuverlässig ist das Wachstum
Anhand der Factset-Schätzungen aus dem Aktienfinder soll der Gewinn in den kommenden Jahren in einem Tempo von deutlich über 30 Prozent p. a. wachsen. Bei derart kleinen Unternehmen habe ich ehrlich gesagt ein paar Zweifel an der Qualität und Aktualität solcher Konsens-Daten. Wenn ich mir die einzelnen Einschätzungen ansehe, dürften die auch nicht ganz unberechtigt sein. Der hier festgehaltene Gewinn je Aktie entspricht nämlich auf den Cent genau den Schätzungen von Warburg Research – und damit wohl nicht dem Durchschnitt. Diese Daten stellt 2G dankenswerter Weise selbst zur Verfügung.
Aus dem Rahmen fällt das Ergebnis von Warburg aber nicht. Allgemein werden die Schätzungen derzeit eher nach oben korrigiert. Schließlich sichert sich 2G gerade zunehmend Großaufträge für Rechenzentren. SMC hat zum Beispiel gerade erst nach oben korrigiert und ist für 2028 jetzt noch optimistischer als Warburg. Es läuft halt einfach bei 2G und ein schneller Einbruch ist nicht in Sicht.
Für dieses Jahr erwartete 2G zuletzt eine „book-to-bill-Ratio von 2,5 oder mehr“ (Neuaufträge im Verhältnis zum Umsatz). Bei solchen Quoten sollten die oben beschwärmten Wachstumsraten geradezu spielend erreichbar sein. Solange sich die Marktlage nicht grundlegend ändert und die Produktion schritthalten kann. Bei beidem bin ich recht zuversichtlich. Bei der Produktion hat 2G bereits vorgesorgt und dürfte vorausschauend weiter investieren, soweit Bedarf besteht. Bei der Marktlage hat 2G den Vorteil, dass es nicht einen sondern viele Wachstumstreiber gibt, von denen keiner eine Eintagsfliege sein dürfte.
Ein paar Beispiele
Biogas ist vielleicht am ehesten so etwas wie das Brot- und Buttergeschäft von 2G Energy in Deutschland. Aktuell fallen viele ältere Anlagen aus der EEG-Förderung. Durch das mittlerweile von der EU genehmigte Biomassepaket sollen diese dem Markt erhalten bleiben. Der Förderanreiz geht dafür jetzt nicht mehr in Richtung Grundlast, sondern zur flexiblen Einspeisung nach Marktbedarf. Typischerweise würden die Anlagen dann nicht mehr tagsüber laufen – wenn das Stromnetz schon (über-) voll mit billigem Solarstrom ist, sondern eher morgens und abends, wenn der Strom knapp und teuer ist. Dafür muss die Erzeugungs- und Speicherkapazität der Anlagen erheblich steigen. Der Mehrbedarf an Erzeugungskapazität machte sich laut Geschäftsbericht schon letztes Jahr im Auftragseingang für 2G bemerkbar und sollte erst mal bestehen bleiben. Der Boom beim erstmaligen Zubau der deutschen Biogas-Anlagen ging laut Zahlen vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (siehe Grafik, Seite 27) bis etwa 2011. Die EEG-Förderung läuft 20 Jahre. Das erhöhte Auftragsvolumen sollte also bis in die frühen 30er Jahre anhalten.
Ein Ende des Booms bei den Rechenzentren ist derzeit auch nicht abzusehen. Hier müssen die aktuell in Auftrag gegebenen Projekte überhaupt mal geplant und gebaut werden. Für die Folgezeit hätten zumindest Alphabet, Amazon, Microsoft und Co. noch (steigende) Cashflows übrig, die sie zusätzlich in den Markt pumpen könnten. Aktuell geht der Trend bei den Investitionen noch immer nach oben. Dieses Jahr sollen sogar schon über eine Billion Dollar in neue Rechenzentren investiert werden. Das allein dürfte die Goldgräberstimmung bei allen Unternehmen gut erklären, die dazu irgendetwas beizutragen haben – und umgekehrt die Knappheiten, bei allen Gütern die dafür gebraucht werden. Nicht zuletzt bei Gasturbinen für die Stromversorgung.
Gleichzeitig werden hierzulande gerade etliche Gigawatt neue „steuerbare Erzeugungskapazität“ ausgeschrieben. Dabei soll es vornehmlich um neue Gaskraftwerke gehen, in denen später potenziell Wasserstoff verheizt werden kann. Aus Sicht des Steuerzahlers könnte man das für ein denkbar schlechtes Timing halten. Aus Sicht von 2G Energy besteht die Chance, hier auch nochmal mitzuverdienen. Anfang der 30er soll die neue Kapazität dann am Netz sein. Wann hab ich zuletzt über die frühen 30er Jahre geschrieben? Ich komme später nochmal darauf zurück.
Neben all dem gibt es noch eine Reihe weiterer Wachstumstreiber. Es dürfte aber schon klar geworden sein, dass 2G Energy wahrscheinlich auf Jahre hinweg ausgesorgt hat und die Prognosen für die nahe Zukunft nicht untertrieben sein dürften.
Warum die Aktie noch immer günstig erscheint
Als ich diesen Beitrag angefangen habe, stand die Aktie bei 64 Euro und damit rechne ich jetzt. Das kann auf den ersten Blick teuer wirken, weil 2G letztes Jahr nur 93 Cent je Aktie Gewinn gemacht hat. Allerdings fallen in das Jahr große Investitionen in neue Produkte und Kapazitäten sowie die Umstellung auf ein neues ERP-System. Es war ein Übergangsjahr, das sich bereits jetzt auszahlen dürfte. Gegenüber 2024 (besserer Vergleichswert) dürfte der Gewinn dieses Jahr schon um etwa 40 Prozent wachen. Von 2026 auf 2027 soll es dann sogar etwa 50 Prozent mehr geben. 2028 könnte es nochmal etwa 40 Prozent mehr Gewinn je Aktie geben.
Bei solchen Wachstumsraten kann das Unternehmen durchaus fair bewertet sein. Das gilt umso mehr, als das Kurs-Gewinn-Verhältnis dann bei 17 läge. Geht man davon aus, dass das Unternehmen mit dem dreißigfachen Gewinn ordentlich bepreist ist, ergibt sich bis 2028 eine Rendite von über 25 Prozent (siehe Aktienfinder). Und da ich nicht davon ausgehe, dass die Story so schnell vorbei sein wird, dürfte es auch danach noch gutes Geld mit 2G zu verdienen geben. Auch Warburg sieht 2029 noch ein deutliches Gewinnwachstum von immerhin noch rund 30 Prozent.
Richtig unsicher dürfte die Zukunft des Unternehmens erst ab Anfang oder Mitte der 30er Jahre werden, wenn womöglich mehrere Wachstumstreiber parallel abreißen und nicht rechtzeitig ersetzt werden können. Das ist für mich das große Fragezeichen hier. Was, wenn man dann deutlich weniger Gasturbinen brauchen wird als heute. Für das Unternehmen sprechen dann noch etwa vier Dinge:
- Man kann sich mit heutigen Umsätzen auch künftige sichern. Der Service-Bereich macht in der Regel über 40 Prozent der Umsätze aus. Schließlich kümmert sich 2G auch um die Wartung der installierten Anlagen. Dass die Umsätze plötzlich ganz wegbrechen, dürfte ziemlich ausgeschlossen sein.
- Die Anlagen sind heute schon Wasserstoff-tauglich. Ich würde davon ausgehen, dass es künftig dafür Anwendungsfälle gibt.
- Die Großwärmepumpen könnten bis dahin einen relevanten Anteil am Umsatz ausmachen, wenn das Segment weiterhin schnell genug wächst.
- Das Management hat zuletzt gezeigt, dass man auf sich bietende Chancen kurzfristig reagieren und diese nutzen kann. Davon wird es sicherlich in den kommenden Jahren noch mehr geben.
Ergebnis
Ich hatte letztes Jahr in zwei Schritten eine kleine Position aufgebaut. Mir schien das Unternehmen damals schon erstaunlich günstig bewertet zu sein. Trotz des Kursgewinns sehe ich nicht, dass der Markt das Unternehmen jetzt neu bepreist. Es ist eher so, dass sich der Kurs an die steigenden Gewinnschätzungen anpasst. Entsprechend fühle ich mich mit der mittlerweile deutlich größeren Position ausgesprochen wohl.
Ein Nachkauf kommt aber vorerst nicht infrage, da die Depotgewichtung aufgrund des Kursanstiegs schon deutlich höher liegt als eigentlich beabsichtigt. Bis sich das wieder ändert, dürfte einer von zwei Fällen eintreten:
- Ich und viele andere haben sich beim Unternehmen oder dem Markt im Allgemeinen geirrt, weswegen der Kurs einbricht. In diesem Fall steht aber der Investment Case selbst infrage.
- Wir sind in den 30er Jahren angekommen und ich werde 2G Energy aus besagten Gründen nochmal komplett neu betrachten und bewerten müssen.
Bis dahin wünsche ich allen Lesenden, dass sie sich mit ihren Investments mindestens ebenso wohlfühlen wie ich, sich vielleicht sogar über die angelaufenen Gewinne freuen. Und am besten auch: dass sie kein Erdgas mehr brauchen.

