100000 Euro

Heute möchte ich mal ein neues Blog-Format ausprobieren. Ich möchte beschreiben, wie groß und bedeutend das Ziel von 100.000 Euro beim Vermögensaufbau ist. Ich hoffe damit, denjenigen, die sich in einer ähnlich privilegierten Position wie ich befinden, etwas Hoffnung zu machen.

Gleichzeitig darf diese Geschichte auch erahnen lassen, wie schwer Vermögensunterschiede zu überwinden sind und wie wichtig Chancen-Gerechtigkeit in einer liberalen Gesellschaft doch wäre. Letztlich braucht man neben Genügsamkeit und Ausdauer auch genügend Einkommen und Risiko-Tragfähigkeit, um überhaupt je von null auf 100.000 Euro kommen zu können.

Wenn man das aber mal geschafft hat, dann können sich sehr schnell ganz andere Größenordnungen und Möglichkeiten ergeben. Das hat folgende Gründe:

1. Einer von drei Schritten zur Million

Zinseszins-Rechnungen bringen oft überraschende Ergebnisse. Zum Beispiel das hier: Bei einer monatlichen Sparrate von 600 Euro und einer Kapitalverzinsung von 8,00 Prozent im Jahr dauert es etwa 10 Jahre, um 100.000 Euro zusammenzubekommen. Klingt durchaus mühsam. Immerhin trägt die Rendite etwa ein Drittel zum Vermögen bei.

Wer die Sparrate und Verzinsung dann (nur) nochmal etwa mehr als 20 Jahre durchhält, erreicht die Million. Von Null bis zur Million dauert es also nur etwa dreimal so lange wie von null bis zu 100.000. Am Ende besteht das Vermögen zu mehr als vier Fünfteln aus der erzielten Rendite.

Funktioniert die Rechnung auch mit anderen Zahlen? Grundsätzlich schon, aber nur wenn der Zinseszins stark genug zum Tragen kommt. Hierüber wiederum entscheiden die zwei Faktoren Zeit und Zins. Es braucht beide. Würde man nur die Sparrate erhöhen, ergäbe sich ein anderes Bild: Bei einer Sparrate von 1.500 Euro zum Beispiel lässt sich die Million zwar schon in 22 Jahren erreichen. Das ist über viermal so lange, wie es zu den ersten 100.000 Euro gedauert hätte.

Zwingende Voraussetzung ist außerdem eigentlich auch, dass man das gesamte Ersparte in Aktien anlegt. Denn außerhalb des Aktienmarkts sehe ich keine langfristig erprobte Möglichkeit, auf Renditen von acht Prozent zu kommen. Gelder, die anderweitig oder kurzfristiger angelegt sind, also zum Beispiel in Immobilien oder auf Sparkonten, dürfen in der Rechnung also nicht mitgezählt werden. Oder man braucht eben sehr viel mehr Zeit.

2. Das Geld vermehrt sich selbst

Ab 100.000 Euro verändern sich die Spielregeln ganz generell. Bei der Sparrate von 600 Euro lag der Vermögenszuwachs im ersten Jahr noch bei 7.200 Euro. Es ist genau der Betrag, den man eingezahlt hat. Hat man aber schon 100.000 Euro zu Beginn eines Jahres, wächst das Vermögen zusätzlich um 8.000 Euro. Heißt: Das Vermögen wächst jetzt mehr als doppelt so schnell wie am Anfang. Oder auch: Selbst wenn man ab den ersten 100.000 Euro gar nichts mehr einzahlen würde, hätte man ein schnelleres Vermögenswachstum als jemand, der unter gleichen Voraussetzungen gerade zu sparen beginnt. Der Vorsprung ist – unter gleichen Bedingungen – bereits uneinholbar.

Wenn man aber weitermacht, ist das erst der Anfang. Man kann die Exponentialkurve jetzt erahnen. Sehen wird man sie in der Zukunft.

3. Ausschüttungen können Rücklagen ersetzen

In dem Teil wechsle ich in die Ich-Form. Ich möchte das Folgende nämlich definitiv nicht als Ratschlag verstanden wissen, irgendwelche Rücklagen abzubauen. Ich also erhalte dieses Jahr voraussichtlich an die 150 Euro im Monat an Dividenden. Und das Geld tut dann meist erstmal – nichts. Es liegt auf dem Verrechnungskonto des Depots, wo es sich mit immer weiteren Dividenden und Sparraten vermischt. Es liegt da, bis der Betrag groß genug geworden ist, dass sich eine Order lohnt und ich bis dann auch noch weiß, in welche Aktien ich wie viel davon investieren möchte.

Sollte ich einmal kurzfristig Geld brauchen, kann ich praktisch immer mindestens noch ein paar Hundert Euro vom Verrechnungskonto abzwacken. Eine derartige Situation hatte ich schon mal, als ich die Kaution meiner neuen Wohnung bezahlen musste, bevor ich die Kaution für die alte Wohnung zurückbekommen hatte. Glücklicherweise war gerade der dividendenstarke Monat Mai, sodass ich etwa die Hälfte des Betrags quasi direkt aus den kürzlich eingegangenen Dividenden bezahlen konnte. Ein paar Monate später habe ich die Zahlung aus der alten Kaution dann (wieder) aufs Depot überwiesen.

Generell bin ich in den letzten Jahren immer stärker davon abgekommen, größere Beträge als flexible Rücklage zu horten. Und ich denke, dass das mit künftig immer höheren Dividenden auch zunehmend weniger notwendig sein wird. Das hat natürlich viel mit meinem persönlichen Lebensstil zu tun, der mich kaum unerwartete große Einmal-Zahlungen fürchten lässt. Außerdem bin ich gerne stets voll investiert. Oder zumindest so voll, wie es meine eigene Trägheit eben gerade erlaubt. Das Geld soll gefälligst für mich arbeiten und damit nicht erst auf den nächsten Crash warten, der vielleicht erst in zehn Jahren kommt und Aktien dann vielleicht gar nicht billiger macht als heute.

Jetzt das abstrakte Argument: Auch Dividenden sind Einnahmen, die mit den Erparnissen wachsen können. Sie erhöhen die gesamten regelmäßigen Einnahmen. Je höher diese wiederum sind, desto weniger Risiko-Rücklagen braucht es. Je weniger Risiko-Rücklagen, desto effizienter kann das Geld insgesamt angelegt werden.

4. Die Gewohnheit macht den Rest

Anfangs mag es schwer (wenn nicht gar unmöglich) sein, regelmäßig auf einen bedeutenden Teil des Einkommens zu verzichten. Man lebt unter den eigenen Möglichkeiten, während das Vermögen nur recht langsam wächst. Es ist auch noch so klein, dass es kaum gerechtfertigt erscheint, groß darüber zu sprechen oder sich überhaupt viele Gedanken dazu zu machen.

Wer die hohe Sparrate aber besagte zehn Jahre lang durchgehalten hat, wird sie so einfach nicht mehr verwerfen. Schließlich hat man sie wahrscheinlich auch trotz einiger Herausforderungen durchgehalten. Und man hat sich längst daran gewöhnt, dass ein Teil des Einkommens immer schon fest verplant ist.

Statt der unangenehmen Sparrate macht sich jetzt das angenehme Vermögenswachstum bemerkbar. Gegebenenfalls trudeln alle paar Tage Dividenden ein. Alle paar Wochen oder Monate kann man sich über neue Rekorde beim Vermögenswert freuen – zumindest solange die Finanzmärkte einigermaßen stabil laufen. Und sollte es doch mal einen Crash geben, wird man diesen eher als Chance statt als Problem betrachten. Es ist ja nicht der erste.

Disclaimer: Wer diesen Beitrag gelesen und jetzt damit begonnen hat, die Frühverrentung zu planen, sei daran erinnert, dass es auch Inflation und Steuern zu bedenken gilt. Außerdem soll Erwerbsarbeit ja dabei helfen, den Alltag zu strukturieren. In gewissen Dosen kann sie sogar manchmal Spaß machen. 😉

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