Die Weltlage hat sich gerade derart verändert, dass es mir kaum noch möglich erscheint, nicht daran zu denken. Beim Arbeiten im Home Office trage ich jetzt Pullover. Schließlich ist der Gashahn abgedreht. Bei Videokonferenzen vermisse ich einen ukrainischen Kollegen, dessen Leben sich gerade um Wichtigeres dreht. Sogar beim Duschen sind die Gedanken sofort beim Krieg. Denn selbst das Wasser wird in meiner Wohnung mit Gas erhitzt. In den nächsten Urlaub geht es natürlich mit dem Zug. Autos, vor allem mit Verbrennungsmotor, haben sich meiner Meinung nach gerade disqualifiziert. Und was mache ich sonst noch? Investieren natürlich.
Spenden könnte auch ein Thema sein. Aber das hier ist ja mein Aktien-Tagebuch. Und dabei soll es bleiben. Mein erster Impuls beim Thema ist eigentlich klar. Man müsste sich energieunabhägig machen. Hätte ich gerne vor Jahren schon. Aber mangels Wohneigentum ist das nicht so leicht. Ich möchte dem Gedanken trotzdem erstmal folgen.
Worauf kommt es denn an, wenn man Energie herstellen möchte? Wirtschaftlich sind Solaranlagen (oder Windräder) vor allem dann, wenn man viele davon hat. Ausgenommen davon sind lediglich Anlagen für den Eigenverbrauch. Die Erzeugungskosten für erneuerbaren Strom sind aber umso niedriger, je größer ein Kraftwerk ist. Und wie viele dieser großen Kraftwerke sollte man nun haben, wenn es nur um die Wirtschaftlichkeit geht? Auch hier lautet die Antwort: möglichst viele.
Mit der Anzahl der Kraftwerke kommen nämlich erneut Skalen-Vorteile ins Spiel. Schließlich können Wartung, Verwaltung und Buchhaltung in großen Unternehmen effizienter organisiert werden. Je größer das Unternehmen, desto eher kann es in jedem Bereich ausgewiesene Experten und Spezialisten beschäftigen und auslasten. Außerdem lohnt es sich zusehends, einzelne Arbeitsschritte zu automatisieren und zu digitalisieren. Dazu verbessert sich die Position gegenüber den Geschäftspartnern. Einige Kunden gewinnt man überhaupt erst, wenn man eine Mindestmenge an Strom liefern kann. Die Einkaufspreise, etwa für Versicherungen, sinken je mehr man davon abschließt.
Außerdem sollte es sich lohnen, die Anlagen über verschiedene Regionen, am besten gleich verschiedene Länder zu verteilen. Das schafft einerseits Nähe zum Kunden und damit die Möglichkeit, den Strom direkt zu verkaufen (was die Einnahmen erhöht). Andererseits sichert man sich so gegen Unsicherheiten ab, etwa beim Wetter oder bei der politischen Regulierung.
Ja, mittlerweile spreche ich von Encavis.
Was mir an Encavis gefällt
Einfaches, skalierbares Geschäftsmodell
Encavis kauft und betreibt Solaranlagen, seit einiger Zeit auch Windräder. Was bei diesem Geschäft wichtig ist, habe ich schon skizziert. Es geht – vor allem – um Größe. Und die scheint mir eigentlich kein Problem zu sein. Sie ist kein Problem, was die Flächen betrifft. Neben bestehenden Freiflächen gibt es noch riesiges Potenzial bei der Mehrfachnutzung. So könnten Verkehrswege überdacht oder Hausfassaden ausgekleidet werden. Zur Überdachung landwirtschaftlicher Flächen gibt es immerhin interessante Pilotprojekte und in den Wüsten ist sowieso noch jede Menge Platz.
Die Nachfrage wird Encavis ebenfalls nicht ausgehen. Schließlich ist die Strompoduktion noch lange nicht erneuerbar. Sobald der Bedarf tagsüber gedeckt ist, kann man in Speicher investieren, um den nächtlichen Bedarf zu decken. Und dann braucht man noch jede Menge Energie im Wärme- und Verkehrsbereich. Zum Problem für das Wachstum können eigentlich nur noch die Rohstoffe werden, die in den Anlagen verbaut sind. Mangelnde Rohstoffe oder Vorprodukte würden die Kaufpreise der Anlagen erhöhen. In einem solchen Fall wären vor allem hohe Margen im Vorteil. Womit wir wieder beim Thema Größe sind.
Kapitalerhöhungen
Eine Voraussetzung für das Wachstum kam bisher nicht vor. Es braucht natürlich Geld. Wie die meisten Immobilienunternehmen ist auch Encavis vergleichsweise hoch verschuldet. Das ist aber insofern OK, als die Anlagen ja (gerade im Durchschnitt) gut planbare Erträge abwerfen und die Finanzierungen langfristig sind. Risiken durch steigende Zinsen sind also begrenzt.
Neben den Krediten finanziert sich Encavis auch über die Ausgabe neuer Aktien. Das gefällt mir insofern gut, als ich als Investor hier tatsächlich einen Beitrag zum Wachstum leisten kann. Bei jeder neuen Dividende habe ich die Wahl, mir den Gewinn auszuzahlen zu lassen – oder ihn im Unternehmen zu lassen und dafür neue Aktien zu erhalten.
Man vergleiche das mal mit anderen Unternehmen wie Linde (auch seit Jahren auf meiner Watchlist), wo der Großteil der Gewinne ausgeschüttet wird und meine Rolle als Investor der Eröffnung eines Sparbuchs gleichkommt.
Was mir an Encavis nicht gefällt
Kapitalerhöhungen
Kapitalerhöhungen haben natürlich auch Nachteile. Wenn ich mich daran nicht beteilige, sinkt mein Anteil am Unternehmen. Das ist nur dann akzeptabel, wenn das Unternehmen das neue Kapital auch sinnvoll einsetzt. Bei Encavis könnte man sagen, dass neues Geld zu neuen Solaranlagen führt, wodurch das Unternehmen wächst. Da Größe in dem Geschäft zu Skalen-Vorteilen führt, wodurch das Unternehmen insgesamt seine Margen verbessern kann. Mein Anteil am Unternehmen wird dann zwar kleiner, kann dadurch aber trotzdem mehr Wert sein.
Aber was ist, wenn die neuen Anlagen weniger Rendite abwerfen als die alten? Es braucht jedenfalls ein ordentliches Maß an Vertrauen, um solche Geschäftsmodelle zu unterstützen. Die guten Investor Relations und die geographische Nähe von Encavis sind dabei auf jeden Fall hilfreich.
Der Preis (eigentlich…)
Um den Preis einer Aktie einzuschätzen, schaue im mir üblicherweise die Multiples (z. B. KGV) an und setze sie in Bezug zum Wachstum. Ich habe keine festen Regeln, ab wann ich ein Unternehmen für günstig oder teuer halte. Aber ich bin allgemein eher bereit, höhere Preise zu zahlen, wenn auch das Wachstum höher oder zumindest stabiler ist.
Trotz eines ordentlichen Wachtums und des satten Kursrückgangs kommt mir Encavis dabei immer noch teuer vor. So ist der Gewinn je Aktie von 2017 bis 2021 etwa um durchschnittlich 12 Prozent jährlich gestiegen. Hierfür würde ich ein KGV irgendwo zwischen 18 und 25 erwarten. Damit sollte die Aktie nicht mehr als 12 Euro kosten. Demnach wäre Encavis noch immer zu teuer. Aber wie in so vielen Fällen ist das natürlich ein sehr einseitiger Blick.
Schaut man sich etwa die Entwicklung des operativen Cashflows (je Aktie) an, wirkt das Unternehmen erheblich günstiger. Der Cashflow übersteigt den Gewinn nämlich um ein Vielfaches und eilt diesem voraus. Es wirkt schon ein bisschen wie bei Amazon. Allerdings dürfte es sich auch um ein branchentypisches Phänomen handeln. Bei vergleichbaren Unternehmen wie 7C Solarparken sieht die Sache ähnlich aus.
Hauptgrund für den großen Unterschied zwischen Cashflow und Gewinn sind Abschreibungen. Ich erkläre mir das folgendermaßen:
Nach bereits 20 Jahren Lebenszeit werden die meisten Solaranlagen oder Windräder ersetzt. Dann laufen auch Garantien und/oder Fördermittel aus. Abgesehen davon sind die Anlagen schlichtweg veraltet. Entsprechend werden sie über diesen für Immobilien vergleichsweise kurzen Zeitraum abgeschrieben. Je kürzer der Zeitraum, desto höher die jährlichen Abschreibungen, welche den Gewinn, nicht aber den Cashflow von Encavis belasten.
Ist die Aktie damit günstig oder teuer? Ich vermute, sie ist adäquat bewertet. Zwar ist der operative Cashflow wirklich ordentlich, wodurch viel Geld für den Ausbau der Kapazität vorhanden ist. Der vergleichsweise niedrige Gewinn erinnert aber daran, dass zwingend investiert werden muss, damit der Cash auch künftig noch fließt.
Aber eigentlich…
… wollte ich mich doch selbst mit Solarenergie versorgen. Stattdessen schreibe ich jetzt über Cashflows von Encavis. Die helfen leider noch nicht, meinen Strombedarf zu decken. Es ist daher an der Zeit, eine neue Kennzahl erfinden. Nennen wir sie Strom pro Aktie.
Ich verbrauche pro Jahr etwa eine Megawattstunde Strom. Der gesamte Stromertrag von Encavis lag letztes Jahr bei 2.754 GWh (Gigawattstunden). Bei rund 160 Millionen Aktien macht das rund 0,017 MWh (Megawattstunden) Strom pro Aktie.
Um eine Stromproduktion zu besitzen, die meinen eigenen Bedarf (zumindest rechnerisch) deckt, brauche demnach gerade mal 58 Encavis-Aktien. Die kosten an der Börse derzeit weniger als 900 Euro. Ich kann mich also über eine Handvoll Aktien rechnerisch enegieunabhängig machen.
Auch wirtschaftlich könnte meine Energieunabhängigkeit über ein Ecavis-Investment funktionieren, wenn ich etwa meine Stromrechnung über die Dividende bezahlen wollte. Es bräuchte nur deutlich mehr Aktien dafür. Abgesichert wäre ich aber, denn bei steigenden Strompreisen steigen ja auch die Erträge von Encavis.
Ergebnis
Ich habe mir bereits eine erste Portion Encavis-Aktien ins Depot gelegt. Am Unternehmen gefällt mir besonders das verständliche Geschäftsmodell und die gute Unternehmenskommunikation. Auch der Preis wirkt fair. Wahrscheinlich werde ich in Zukunft die Aktiendividende wählen und alleine dadurch schon meinen Bestand weiter aufstocken.
Als Verbraucher ist die Encavis-Aktie für mich eine Absicherung gegen steigende Energiepreise, von denen das Unternehmen profitieren würde. Als Anleger sehe ich die Aktie als Wohlfühl-Investment. Ich möchte nicht viel mehr als einmal jährlich den Geschäftsbericht lesen und mich dabei über (meine) neuen Kraftwerke freuen.
Im Energiebereich ist meine Auswahl an Unternehmen damit erstmal komplett. Dazu gehören jetzt ein Versorger (Nextera Energy), ein Projektierer (PNE), ein Hersteller (Solaredge) und nun auch ein Anlagenbetreiber.
Für die kommenden Investments blicke ich derzeit besonders auf die Bereiche Bau/Immobilien, Gesundheit und Mobilität. Auch bei den abstürzenden Wachstumsaktien könnte sich noch der ein oder andere Nachkauf anbieten.

